The 1.6 million club for women's health
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In moment sind wir in der Umstrukturierungsphase. (April 7, 2008)

Vom Nacht- zum Gesundheitsklub

Sie ist groß, schlank, attraktiv und hat eine dieser Stimmen, die einen an Chansons denken lässt.
Oder an Ingrid Bergmann in Casablanca.
Sie war Schwedens Antwort auf die amerikanische Nachtklubkönigin „Regine“.
Jetzt macht sie sich für Frauen stark.
Die Rede ist von Alexandra Charles, Gründerin des gut sieben Jahre alten „1,6miljonerklubben,“ der mit 24.000 Mitgliedern viertgrößten schwedischen Frauenorganisation.

Frage: Viele Frauen wissen nicht, dass sie in punkto medizinischer Versorgung benachteiligt sind, weil ein schlichtes Grundprinzip mißachtet wird: Was für den Gänserich taugt, taugt nicht auch zwangsweise für die Gans, wie eine amerikanische Gesundheitsexpertin es einmal so treffend formulierte. Immer wieder müssen Medikamente vom Markt zurückgenommen werden, weil sie ausschließlich an Männern getestet worden sind.

Alexandra Charles: Es müssen erst Probleme auftauchen, Frauen müssen erst leiden, bevor man reagiert! Dabei müßte es erst gar nicht dazu kommen.

Frage: Wieso sind Frauen in Medikamentenstudien dermaßen unterrepräsentiert?

Alexandra Charles: Weil es billiger ist – und bequemer. Männer werden nicht schwanger. Der monatliche Hormonzyklus fällt weg ... Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ist, aber hier in Schweden hat man für Studien gerne auch junge, fitte Soldaten benutzt: Was natürlich praktisch ist. Man hat eine gut kontrollierbare und kontrollierte Gruppe, auf die man immer wieder zurückgreifen kann. Aber: Wir sind verschieden. Man muß nicht Mediziner sein, zu wissen, dass wir verschieden sind. Der Mann darf nicht länger Maß aller Dinge sein. Viele Todesfälle könnten verhindert werden, würde sich die medizinische Forschung nicht auf das männliche Geschlecht konzentrieren. Nehmen Sie nur mal den Herzinfarkt. Wie viele Frauen mußten sterben, weil der „weibliche“ Herzinfarkt anders aussieht.

Frage: Die Benachteiligung der Frau treibt seltsame Blüten. Einer Untersuchung zufolge wurden an siebenundzwanzig von einunddreißig Intensivstationen männliche Patienten besser versorgt. Danach hatten weibliche Patientinnen einen geringeren Aufwand an diagnostischen und therapeutischen Interventionen. Diese unterschiedliche Behandlung zog sich durch alle Altergruppen.

Alexandra Charles: Es gibt sogar Defizite bei der Erstversorgung: Eine zwei Jahre alte Studie eines Arztes aus Göteborg ergab, dass der Krankenwagen bei Männern doppelt so schnell kam als bei Frauen!

Frage: Fachleute wissen schon seit langem um die Thematik. In den USA ging man in den siebziger Jahren deshalb sogar vor Gericht. Die „National Institutes of Health“ finanzieren klinische Studien nur dann, wenn auch Frauen beteiligt sind. Vorausgesetzt natürlich, es handelt sich um ein auch für Frauen gedachtes Medikament. Selbst Schwangere schließen die NIH nicht prinzipiell aus. Fachleute wissen schon lange um die Thematik. Die Tatsache, dass das Geschlecht eine Rolle spielt, es geschlechtsspezifische Unterschiede gibt, Gleichmacherei unter Umständen verhängnisvoll ist!

Alexandra Charles: Spitzenpositionen sind nach wie vor von Männern besetzt. Man lässt das System, wie es ist. Die akademische Welt ist konservativ. Es muß erst jemand kommen und sagen: He, so nicht. Das heißt, nicht jemand, sondern viele. Viele Frauen müssen den Mund aufmachen. Einzelne kann man als hysterisch abstempeln. Viele nicht. Die schwedische Kardiologin Professor Dr. Karin Schenck-Gustafsson - die mich im übrigen überhaupt erst mit dem Thema bekannt gemacht hat – meinte vor Jahren auf meine diesbezügliche Frage: Sie und ihre Kolleginnen wüssten über diese Defizite bescheid, aber man habe Angst, jemanden auf die Füße zu treten und gebrandmarkt zu werden.

Frage: Als sie damals nachfragten, hätte sich wohl keine von ihnen beiden träumen lassen, dass Professor Schenck-Gustafsson Leiterin des ersten schwedischen Zentrums für Geschlechterforschung, des Gender Research Centers am Karolinska-Institut, und Sie Gründerin eines überaus erfolgreichen Frauenklubs werden würden. Sie haben viel bewegt, in dieser Zeit.

Alexandra Charles: Sie hat damals über Gesundheitsthemen referiert, ich war dort, weil ich Probleme mit den Hüften, Arthrose hatte, ich bin familiär vorbelastet. Anfangs wollte ich nicht glauben, dass es Arthrose ist. „Ich bin erst vierzig. Ich bin zu jung“, sagte ich mir. Wie auch immer: Ich fing an, mich mit dem Thema Gesundheit zu befassen, las Bücher, ging zu Veranstaltungen ... und so sind wir uns begegnet. Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte! Ich stand auf und sagte: „Wir müssen Verantwortung übernehmen, die Situation ändern!“ Einige haben gelacht. Ausgerechnet ich, die ehemalige Nachtklubkönigin von Stockholm, mache mich für die Belange der Frauen stark ... Die Sache ließ mir keine Ruhe. Nachts habe ich gegrübelt: was tun?! Die Antwort: Man muß sich zusammentun. Eine Gruppe gründen. Eine Gruppe mit starken Frauen. Frauen mit Power. Frauen, auf die man hört. Wie die Schauspielerin SolveigTernström ..., die sich nicht zurücknimmt, den Mund aufmacht - oder die Sängerin Lill Babs, um nur mal zwei der Frauen zu nennen, die gleich von Anbeginn an mitgemacht haben. Ich habe herumtelefoniert, zu einem Essen eingeladen – und Karin Schenck-Gustafsson und eine ihr bekannte Gynäkologin gebeten, über die Thematik zu referieren. Keine der Frauen hat nicht reagiert! ... Man glaubt es im ersten Moment nicht, weil es so widersinnig ist. Es dauerte nicht lange, bis unsere Gruppe stand. Wir wollten aufklären, etwas bewegen - und Frauen die Möglichkeit bieten, aus der Vereinzelung herauszukommen. Sich auszutauschen. Miteinander Spaß zu haben. Bei einem tollen Konzert, etwa. Oder einer Modenschau. Es hat uns nicht gereicht – und reicht uns nicht, einfach nur zu informieren.

Frage: Mittlerweile haben sich in Stockholm sogar „Salons“ etabliert.

Alexandra Charles: Ist das nicht fantastisch! Unsere Mitglieder lassen den Salon wieder auferstehen! ... Aber wir waren ja in den 90er Jahren: Die nächste Frage war: Und wie finanzieren wir uns? Da kam uns der Zufall zu Hilfe. Die Bank, bei der wir vorsprachen, hatte einen weiblichen Boss und viele Mitarbeiterinnen, sie fand, wir seien ein aufregendes Projekt ... um es kurz zu machen: Durch sie bekamen wir Anrufe von Pharmafirmen, Firmen, die uns sponsern wollten, die realisierten, wie wichtig für sie unsere Zielgruppe ist.

Frage: Sponsoring kann ja auch tückisch sein ...

Alexandra Charles: Sie denken an Einflussnahme. Daran haben wir natürlich auch sofort gedacht. Deshalb haben wir uns vertraglich dagegen abgesichert. Die Firmen, die uns unterstützen, können Vorschläge machen etc.: Aber wir entscheiden. Wir lassen uns nicht sagen, was wir zu tun und zu lassen haben! Den Sponsoren aus dem Pharmabereich sagen wir: Nur, wenn sie in ihre Studien auch Frauen mit einbeziehen. Abgesehen davon, ist unsere Sponsor-Palette breit. Zu unseren Sponsoren gehören beispielsweise auch die Unternehmen „Svensk Mjölk“, Schwedische Milch – und „Svenskt Fisk“, Schwedischer Fisch.

Frage: Sie haben eben das Stichwort Nachtklubkönigin genannt ...

Alexandra Charles: Ex-Nachtklubkönigin. Damals war ich bereits aus dem Nightlife ausgestiegen.

Frage: Wie und wann waren sie eingestiegen?

Alexandra Charles: Ich hatte mich verliebt. In einen Mister Charles. Eigentlich hatte ich Sprachen studiert. Und spanische Literatur. Unter anderem auch in Boulder, Colorado. Ziehen Sie jetzt keine falschen Schlüsse: Wie haben uns in Spanien kennen gelernt. Er hat Ökonomie studiert – und sich das Studium mit einem Nachtklubjob finanziert. Und er wollte mit mir nach Schweden – vorausgesetzt, es gäbe etwas zu tun. Etwas, außerhalb seines erlernten Metiers. Mit Ökonomie hatte er nichts am Hut. Er fand, dass Stockholm nachts langweilig wäre. Es war nichts los in den Sechzigern. Es gab teure Shows, Jazzclubs ... das wars. Ich sah mich um, entdeckte eine tolle Location, und dank familiärer Unterstützung haben wir dann tatsächlich 1968 einen Nachtklub plus Restaurant eröffnet. `68! Die Zeit der Studentenrevolution. Ich sage immer: Ich habe meine eigene Revolution gemacht. Statt in die Politik bin ich ins Business. Ich war zweiundzwanzig und Mitbesitzerin eines Klubs, der nach nur einer Woche „in“, angesagt war. Der schwedische Kronprinz ging bei uns ein und aus. Models. Schauspieler. Künstler. Politiker. Geschäftsleute. Sportler. Wir hatten dreißig Mitarbeiter ... Aber dann stellt sich heraus, dass mein Mann, mein damaliger Mann, ein Spieler ist. Aber ich war entschlossen, alles am laufen zu halten, ich kann verbohrt sein ... Da ich keine Geschäftsfrau war, ging ich damals in die USA, habe einen Sommer-Crash-Kurs zum Thema Business an der Cornell-University absolviert - und gleichzeitig jede Menge für den Betrieb wichtige Kontakte gemacht. Die Ehe ging in die Brüche, als wir - auf Anraten des Prime Minister von Barbados, der in unserem Stockholmer Nightclub verkehrte – eine Filiale in Barbados eröffneten. Mein Mann übernahm Barbados. Ich war in Stockholm. Und wenn man in diesem Metier arbeitet ...

Frage: Sie haben keine Kinder.

Alexandra Charles: Ein bewußter Entschluß. Kinder hätten nicht zu unserem Lebensstil gepasst. Es war ein wunderbares Leben. Schnell. Wenig Schlaf. Hart. Hart für Frauen. All der Alkohol. Zigarettenrauch. Drogen. Anmachen ... Aber ich habe viel gelernt. An einem Tag kamen die Rolling Stones durch meine Tür – am anderen ein Nobelpreisträger.

Frage: Vermutlich haben Sie Regine, die Besitzerin des bekannten, gleichnamigen Nightclubs in der New Yorker Park Avenue kennen gelernt? Ihr Pendant in den USA.

Alexandra Charles: Ich dachte, wir könnten uns zusammen tun. Ich meine, es gab ja nur uns beide! Und ich war keine Konkurrenz. Meine Klubs waren in Schweden und Barbados. Sie war eifersüchtig. Ich war jünger als sie. Ich habe nie verstanden, warum Frauen sich nicht mehr zusammenschließen ... Es war ein aufregendes Leben – aber sehr seicht. Irgendwann war mir klar: Das ist nichts für immer und ewig. Jedenfalls nicht für mich. Irgendwann kam dann „Stadsbrudarna“ auf mich zu. Ein kleiner, feiner, nur zweiundzwanzig Mitglieder zählender Frauenverein. Women Of The City. Man wird hineingeholt. Man kann nicht einfach Mitglied werden. Eine gute Medizin gegen mein schlechtes Gewissen.

Frage: Schlechtes Gewissen?

Alexandra Charles: Da war die Nachtklubwelt – da das richtige Leben. Dank Stadsbrudarna konnte ich Frauen und Kindern helfen. Ich habe mich für Frauen und Kinder engagiert. Das half. Schließlich habe ich mein Konzept erweitert. Wir haben im Klub Wohltätigkeitsbälle veranstaltet, das Rote Kreuz eingeladen, Modeshowen organisiert ... und die Erlöse wohltätigen Zwecken zugeführt.

Frage: Trotzdem war eines Tages mit all dem Schluss ...

Alexandra Charles: Irgendwann dachte ich, genug ist genug. Ausserdem war da wieder ein Mann in mein Leben getreten. Ich entschied, meine Sachen zu packen, die Tür aufzumachen – und hinauszugehen ins Tageslicht. Gleichzeitig hatte ich panische Angst: Ich war vierzig! Wer würde mich engagieren? ... Aber dann begann das Telefon zu klingeln. Man wollte mich. Für Galas, Events, Parties.

Frage: 1,6 Millionen Schwedinnen sind über 45. Daher der Name. Aber Sie haben auch Mitglieder, die jünger sind.

Alexandra Charles: Klar. Es geht um uns alle. Auch um unsere Töchter. Gesundheit ist ein wichtiges Gut. Sie ist der Schlüssel zu vielem. Wir sind nicht ein Klub von Frauen in den Wechseljahren. Natürlich nehmen wir die Wechseljahre ernst. Sehr ernst, sogar. Fünfundsiebzig Prozent der Frauen leiden in den Wechseljahren. Und sie werden diskriminiert. Sie wurden doch bestimmt auch schon mit diesen üblen Witzen über Frauen im Klimakterium konfrontiert! Bei uns in Schweden ist es verboten, jemanden wegen seiner Hautfarbe oder seiner sexuellen Präferenzen zu diskriminieren. Aber es ist anscheinend vollkommen okay, eine Frau zu diskriminieren, weil sie in den Wechseljahren ist!